Report - Budo-Gala im japanischen Garten

Ein Gegensatz im Gegensatz

Kaiserslautern schwelgt zur Zeit zusammen mit der ganzen Welt im Fußballrausch. Besucher aus allen Kontinenten begegnen einander in der Stadt im Zeichen der Weltmeisterschaft. Sie feiern im Überschwang ihrer Gefühle, ihrer sportlichen Hoffnungen und fiebern um das Glück ihrer favorisierten Mannschaften, um Ansehen und Erfolg ihres Herkunftslandes.

Kyudo - Jap. Bogenschießen

Sie lechzen nach den kleinen Triumphen erzielter Tore oder beweinen die unvermeidlichen Niederlagen. Hier Jubel und Freude, da Enttäuschung und Resignation; ein Konglomorat der Gefühle und Temperamente, der Gewohnheiten, Sitten und Gebräuche. Eine friedliche Durchmischung verschiedener Sprachen, Nationen und Hautfarben.

Einen größeren Gegensatz unterschiedlicher Herkunft hat unsere Stadt wohl nie zuvor gesehen.

Mitten in diesem brodelnden Eifer liegt eine Insel der Ruhe, ein blühender Park, geschmückt mit erhabenen Bäumen, mit stillen Teichen, mit sprudelnden Wasserläufen, mit Pfaden und Wegen, die sich verspielt um kunstvoll versetzte Felsen winden. Es ist ein Ort, der zum Schweigen einlädt, zum Verharren, zum Durchatmen, zur Meditation.

Iai-Do - Jap. Schwertziehen

Der Ort dieses Ruhepoles ist der Japanische Garten in Kaiserslautern, der sich im Laufe seines nunmehr sechsjährigen Bestehens zu einem der attraktivsten Anziehungspunkte der Stadt entwickelt hat. Als hätte sich der ZEN-Gedanke verselbständigt, taucht plötzlich und unerwartet innerhalb dieser Ruhe und Gelassenheit wiederum ein Element des Gegensatzes auf: Es ist Sonntag, der 11. Juni 06. Kampf- und Kriegerschreie durchbrechen die Stille des Gartens.

Im Gras bedeckten Amphitheater sammeln sich fünfzig Frauen und Männer, zum Teil bewaffnet, um japanische Kampfkünste vorzuführen. Aber anders als auf dem Fußballrasen, wo neben Athletik und Technik die Leidenschaft regiert, wo aller Wille auf den Sieg über den Gegner gerichtet ist, geht es hier um die Beherrschung des Körpers und des Geistes. Ob im Bogenschießen, im Schwert- oder Lanzenkampf, in den geschmeidigen Bewegungen des Aikido, dem impulsiven Karate, dem schnellen und weichen Judo oder Jiu-Jitsu, allen hier gezeigten Disziplinen ist ein Ziel wichtiger als der Sieg über den Gegner (anders als es dem Fußballspiel eigen ist): die "Selbstbewältigung". In ihr vereinigt sich Konzentration und Achtsamkeit. Nicht das verbissene Wollen, der Zwang gewinnen zu müssen, bestimmt das Geschehen, sondern gerade dessen Aussetzen oder Ablegen. Sieg oder Niederlage sind nachrangig. Bedeutung hat nur das Tun und Handeln im Moment des Geschehens, nicht das Ergebnis danach, nicht der Triumpf, die Prämie, der ausgelobte Preis. In dieser Hinsicht folgen die Anhäger japanischer Kampfkunst dem Leitgedanken des Budo - was übersetzt "der Weg des Kriegers" bedeutet.

Passt dies in einen japanischen Garten, mitten in Europa?

Passt es in unsere so von Rekorden aller Art begeisterte Gegenwart?

Passt der Budo-Gedanke zur Fußballweltmeisterschaft in Kaiserslautern?

Kata zu Batodo - Schnittübungen
Der Krieger - man möge ihn hier als eine archaische Symbolfigur betrachten - sucht sich in seiner originären Rolle auf sein Schicksal vorzubereiten und es zu akzeptieren. Dies kann auch den jederzeit eintretenden Tod bedeuten. Er erkennt und weiß, dass Angst und Hoffnung ihn von seiner Aufgaben ablenken können. Angst und Hoffnung entstehen jedoch aus unseren Vorstellungen.

Natürlich können wir nicht ohne weiteres unsere Ängste beliebig ausschalten, aber zumindest in der Zeit des entscheidenden Handelns sollte der Kopf frei von ablenkenden Vorstellungen werden. Die Tätigkeit selbst sollte uns leiten, nicht die Furcht vor etwaigen Folgen oder die Aussicht auf einen Erfolg. Wie sehr wir Europäer von unserem "Vorausdenken" bestimmt sind, zeigt beispielsweise unsere Grußformel: "Guten Tag" heißt "Ich wünsche für dich einen guten Tag". Eine Bitte, die gegebenenfalls an Gott (Grüß Gott) gerichtet ist. Im Japanischen begnügt man sich mit der Aussage "Der Tag ist". Das heißt, es geschieht, was geschehen soll. Unsere Wünsche nützen nichts, unsere Ängste ebenso wenig. Unser Schicksal ist uns bestimmt.

Es wäre nun vermessen, zu glauben, dass ein wenig Meditation, ein wenig Kampfsport, ein Wechseln zu neuen, verlockenden Ansichten, uns in unserem Wesen umstrukturieren könnte. Im Gegenteil. Der fleißig übende Budoka (und jeder andere Sportler auch) entdeckt sehr bald, wie schwer es schon allein ist, gewohnte Bewegungen des Körpers zu ändern - statt der rechten, die linke Hand zu nutzen, physisches Gleichgewicht zu halten oder ähnliches - und erst recht die "Bewegungen des Geistes" zu steuern.

Jodo - Jap. Stockkampf

Die Kampfkünste Japans verlangen einen langen, geduldigen Weg. Der Sinn liegt vorrangig im Tun, nicht im Erfolg. Viele kleine Schritte sind notwendig, um irgendwann auf einen Erfahrungsschatz zu blicken, der sich ohne langes und beharrliches Üben nicht einstellen würde.
Jiu-Jitsu - Wafenlose Selbstverteidigung

Es ist wie der Gang durch den Garten oder noch bessser, dessen dauerhafte Pflege. Weder die Meditation, die Kampfkunst noch der Japanische Garten werden aus uns Japaner oder gar Samurais machen, ja vielleicht sogar, ein wenig davon im eigenen Leben umzusetzen - könnte uns neue und wertvolle Horizonte öffnen. Die Beschäftigung mit dem Garten hat etwas Gemeinsames mit der "Kunst des Schwertziehens" - Iaido. Sie ist bestimmt von der sinnlichen Wahrnehmung der Umgebung und einer gleichzeitigen Innenschau: "Der Weg des aufmerksamen Dabeiseins" beschreibt metaphorisch - im Umgang mit einem Schwert - das Erlernen einer jeden Kunst, einer jeden besonderen Fähigkeit - das tägliche Sich-Bemühen eines jeden "Schülers".

Kendo - Jap. Fechten
In Kooperation mit dem Verein "Japanischer Garten- Kaiserslautern" hat der Erste Kendoverein Kaiserslautern e.V. (Kendo = der Weg des Schwertes), der seinen Sitz in Otterberg einnimmt, am Sonntag, den 11.Juni 2006 eine Budo-Gala veranstaltet, bei welcher von sieben Kampfsportvereinen zehn klassische Kampfkünste aus der Tradition der Samurais gezeigt wurden. Die Veranstaltung, an der rund fünfzig Akteure teilnahmen, dauerte ganze sieben Stunden und geriet trotz bedauerlich geringer Beachtung in der örtlichen Presse zu einem vollen Erfolg.

Die Präsenz japanischer Fußball-Fans, die vor und während der Show ein überdimensionales Fußballtrikot ausrollten, gab der Atmosphäre im Garten einen interessanten Akzent von Gegensätzlichkeit, was die Aufmerksamkeit mehrerer japanischer Fernsehteams erregte. So konnte am Montag Morgen im japanischen Frühstücksfernsehen aus dem kleinen Kosmos Kaiserslautern gemeldet werden: Die Welt, zu Gast bei Freunden.

Hans Ernst (2. Vorsitzender)
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